Ausstellungen in der Galerie  
 
31. März - 8. Mai 1995

Christoph Meyer
ÜBER DEN WASSERN
Ein Raum aus Eisen
Installation


  Galerie Labor 019, Ausstellung Christoph Meyer


Der Titel der Installation "EIN RAUM AUS EISEN" weckte bei mir zunächst Erinnerungen an "Grube und Pendel", an jene finstere Geschichte Edgar Allan Poes, in der die Erlebnisse eines Verurteilten in einer Folterkammer der spanischen Inquisition beschrieben werden. "Im allgemeinen war der Kerker rechteckig, Was ich für Mauerwerk gehalten hatte, schien Eisen zu sein oder ein anderes Metall in großen Platten, deren Nähte oder Fugen die Vertiefungen bildeten. Die ganze Oberfläche dieser Metallwände war kunstlos beschmiert mit lauter widerlichen und abstoßenden Zeichnungen, die dem Totenaberglauben der Mönche entsprungen waren. Die Gestalten von Unholden mit drohenden Gesten, Skelette und andere noch furchtbarere Bilder bedeckten und verunstalteten die Wände. (...) In der Mitte gähnte der runde Abgrund, dessen Rachen ich entronnen war..." 1

Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht: Nach der überstandenen Bedrohung durch das Pendel beginnen die Wände zu glühen: sie verengen sich und rücken dem Delinquenten näher. Schließlich läßt dieser alle Hoffnung fahren. Er wird jedoch in letzter Sekunde zurückgerissen, befreit: die Armee des Generals Lasalle hatte inzwischen Toledo besetzt. Soweit Edgar Allan Poe.

Dieser LABOR-Raum ist nun keineswegs ein Ort der Folter und qualvoller Bilder: Dennoch vermag auch er dem genauen Blick Abgründe zu enthüllen. Nicht die Wände, sondern der - eisenbedeckte - Boden mit seinen verschieden modulierten Flächen und Öffnungen zieht hier zunächst den Blick auf sich. lhm zugeordnet sind die Polaroid-Fotos an den Wänden, die per Bild den Text liefern, der dem Ganzen zugrundeliegt. "Über den Wassern" - das Thema der Installation zitiert eine Zeile aus einem Gedicht von Nelly Sachs 2, das folgendermaßen beginnt: "Einen Akkord spielen Ebbe und Flut, Jäger und Gejagtes. Mit vielen Händen wird Greifen und Befestigung versucht, Blut ist der Faden."

Einen Akkord wie Ebbe und Flut spielen auch die versetzten Metallplatten, die über einem Grund liegen, der mit der Folie Wasser und Meer simuliert - in betonter Künstlichkeit - vergleichbar etwa der Schlußsequenz von Fellinis "La Nave va". Es ist allerdings schon eigenartig, sich den Eisenboden über den Wassern zu denken. Hier ist in der Tat Befestigung versucht in seltsamer Paradoxie. Das "Über den Wassern" zitiert aber nicht den Beginn, sondern die Schlußzeile des Gedichtes. "Glieder auf dem Weg zum Staub / und die Gischt der Sehnsucht / über den Wassern."

Die Metapher "Über den Wassern" umfaßt im 1. Buch Mose den Zustand der Erde am ersten Tag der Schöpfungsgeschichte; den Zustand vor der Lichtwerdung, jene abgrundtiefe Finsternis, als der Geist Gottes über den Wassern schwebte. "Und die Erde war wüst und leer." Sie vermag damit die existentielle Erfahrung von Tod und massenhafter Vernichtung zu spiegeln,die für die emigrierte Dichterin Nelly Sachs konstituierend war.

In solchen Zusammenhängen gesehen, können diese schlichten, so ästhetisch behandelten und schön verwitterten Metallplatten Bedeutungen assoziieren und entwickein, die deren wohIproportionierter Ordnung und Glätte zuwiderlaufen. Der interesselos wohlgefällige Betrachterblick kann sich beunruhigen lassen durch die Löcher im historischen Boden, durch die Gruben - und hier knüpfe ich wieder an Edgar Allan Poes Bild an - die gleichwohl nicht zu schließen sind. Man sollte sie deutlich wahrnehmen, um nicht auf dem Glatteis der Zeit und Kunst auszugleiten ins Bodenlose.

Annette Dorgerloh


1 - Edgar Allan Poe: Grube und Pendel In: ders.: Erzählungen. Berlin 1981, S. 251.
2 - Nelly Sachs, Gedichte, hg. und mit einem Nachwort versehen von Hilde Dommin.
Frankfurt a. Main 1977, S. 54.


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