Ausstellungen in der Galerie  
 
25. August - 13. September 1995

Nicola Rubinstein
S E N T I R E
Installation


Galerie Labor 019 - Nicola Rubinstein


Das italienische "Sentire" umfaßt mehrere Bedeutungen, allen voran das Riechen, aber auch das Fühlen und Schmecken und ist damit auf ein breites Agieren der Sinne gerichtet. Das lateinische "sentio" griff noch weiter: es bedeutet fühlen, wahrnehmen, merken, meinen und denken. Auf eine solche lnbesitznahme von Kunst-Räumen über die Sinne ist Nicola Rubinsteins Ausstellung in der Weißenseer Galerie LABOR 019 gerichtet.

Nicola Rubinstein hat den Schlüssel für ihre Installation in eine heruntergekommene Puppenwohnung gelegt. Die Betrachter werden so bereits von außen auf die "Wechselwirkung" hingewiesen. In der Tat haben wir es hier mit Wechselwirkungen auf mehreren Ebenen zu tun, die sich zunächst einmal augenfällig in dem Kontrast der beiden übereinander liegenden Räume darbieten- Nicola Rubinstein nahm mit ihren lnstallationen die nicht unproblematischen kleinen LABOR-Räume insofern ernst, als sie von deren architektonischen Ausdruckswerten ausging und diese zuspitzte. Im unteren Raum setzte sie den Namen dieser Produzentengalerie im Wortsinne um: Das LABOR 019 wird zum tatsächlichen Labor, das mit seinem glatten Kachelboden Assoziationen an die schlichten Versuche eines lange schon vergessenen Chemieunterrichts weckt. Die Chemikertochter Nicola Rubinstein spielt mit dem Laborinventar in einer Weise, die seltsam authentisch und dadurch zugleich ironisierend wirkt. Gerätschaften in keimfrei-strenger Anordnung wechseln mit Spuren des Lebens seiner Benutzer; bunte Urlaubskarten oder auch Kunstreproduktionen, die kontrastierend etwas SCHÖNES zeigen. Das klingt auch hier an, allerdings mehrfach gebrochen, am augenfälligsten bei der Verdoppelung des Labors in dem gekachelten Kinderbad, einem Puppenstubenlabor. Die chemischen Gerätschaften sind in Wechselwirkung gebracht mit Bildern und Gerüchen verschiedenster Art: Der seltsame Reigen eigener und fremder Bilder korrespondiert mit der Vielfait der Geruchscollagen: So duelliert sich z. B. echter Zimt mit nicht minder echtem Wofasept - für viele Westler unmittelbar nach der Wende der lnbegriff des DDR-Miefs. Dazwischen lagert unschuldig ein Kasten "Schwarzer Samt" dessen Anblick allein schon seinen spezifischen Geruch ins Gedächtnis zu rufen vermag.

Alain Corbin sagt in seiner Kulturgeschichte des Geruchs, daß der Geruchssinn "jene ungewisse Begierde schafft, die sich beim konkretisierenden Anblick als Täuschung erweisen kann", und die dennoch gerade die erotischen Phantasien so immens anstachelt - oder eben auch erschlagen und ersticken kann.

"Außer den Philosophen rochen alle gut", schrieb Alexandre Dumas im Jahre 1868 über die elegante Pariser Gesellschaft des Ancien Régime. Gerüche bzw. Düfte und Dufterinnerungen vermögen Vergangenes plötzlich wieder vor Augen zu führen: wie vom Blitz getroffen sieht man sich Fluten erinnerter Bilder ausgesetzt. Kostbare Düfte galten schon immer als Zeichen des wahren Luxus: eine Verschwendung, die doch so exorbitante Wirkungen hervorrufen kann. Zeigt der eigentliche LABOR-Raum die Zutaten, das Gemenge der Grundlagen erinnerter Bilder und Gerüche, so zeigen sich diese im oberen Raum verwandelt und verdichtet: Das OLFAKTORIUM ist eine Installation, die das Sammelsurium der Artefakte mit ihren ironischen Bezügen und Brechungen hinter sich - genauer gesagt: unter sich - läßt. Hier oben wird gleichsam der Extrakt aus der LABOR-Arbeit präsentiert. In einer geradezu asiatisch anmutenden Leichtigkeit und Heiterkeit schweben hier 26 kleine Behältnisse mit ihrer bemerkenswerten Fracht in logischer Ordnung. Hier oben darf man dann auch nicht nur sehen, sondern ebenso riechen, fühlen, merken, meinen, denken: eine Synästhesie.

Annette Dorgerloh


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