Ausstellungen in der Galerie  
 
September - Oktober 1995
Mark Lammert
ARM BRUST
Lithografien


Sendemanuskript für "Die Frühkritik" innerhalb der Sendung "Auftakt" auf Radio Brandenburg,
14.9.1995, 7:50 Uhr

Autor: Christoph Tannert


Jeder Kunstfreund, der sich nicht hat durch das grobe Mahlwerk des Vereins "Kunstwerke" mahlen lassen, weiß ... jeder, der gerade noch verhindern konnte, beim Inspizieren der "Wohnmaschine" auf den geleckten Bildtafeln auszuglitschen, weiß ... all die, die wöchentlich zwischen Tucholsky- und Rosenthaler Straße bierselig um die Tresenbiegungen gleiten, wissen ... daß Kunst in Berlin-Mitte rar geworden, dafür aber der Gute-Laune-Druck gestiegen ist. Kunst hat sich längst in die Ateliers der Künstler zurückgezogen, dafür regiert im Scheunenviertel nun Frittenhunger und der Dröhnungsfanatismus artistischer Triebtäter.

Aber, wo soll man die Kunst nun suchen?

Vorschlag 1: in der Galerie LABOR 019 in Weißensee. Trotz der Existenz der Kunsthochschule und dank einiger Ateliers im Stadtbezirk ist Weißensee doch nicht so ganz ab vom Schuß. Seit Eröffnung der galerie im März diesen Jahres hat Weißensee sogar einen doppelstöckigen Schauraum, der, so darf man nach Ausstellungen von Christoph Meyer, Martin Colden und Nicola Rubinstein mutmaßen, wohl in Zukunft das ästhetische Emanzipationsgefälle der Noch-immer-nicht-Kulturstadt Berlin weiter in Richtung Osten verschieben wird. Der Westen laboriert theatralisch an seiner Schwenkow-Bindung, der Osten hat die erste Phase der Abkapselung gut überstanden, gibt seiner neuen Rolle eine eigene Färbung und startet durch.

45 Quadratmeter mißt die Präsentationsfläche nur, aber das reicht, um einen konsequenten Weg zu gehen. Denken wir an die Produzentengalerien der 60er Jahre zurück. Was im Westen der Jagd nach der schnellen Mark zum Opfer fiel, beginnt im Osten als Retrogarde neu.

Es ist das Maß mangelnder Willfährigkeit gegenüber den Irrungen und Wirrungen des für Ostler und Exoten abgeschotteten West-Markts, das der Kunst in LABOR 019 das Unverwechselbare erhält. Noch bis gestern war eine faszinierende, synästhetische Ausstellung zu sehen, in der die Berliner Künstlerin Nicola Rubinstein Fundstücke, Zeichnungen und Fotos zueinander ordnete, um diesen formalen Verbund schließlich mit den verschiedensten Gerüchen zu kommentieren und zu interpretieren. So entstanden Geruchs-Plastiken mit bis zu sechs verschiedenen Düften für ein Objekt. Eine Reproduktion eines berühmten Bildes von Gustav Klimt mischte seinen goldigen Glanz mit einem sack Zimt, direkt aus einer aufgelösten Potsdamer Babynahrungs-Produktion. Puppenstuben outeten sich mit WOFASEPT, vergilbte Ostsee-Postkarten mit einer Prise Fishermen's Friend und der schwarze Samt einer gleichnamigen Florena-Kreation mit dem süßlichen Muff frisch desodorierter Achselhöhlen. Statt Geruchshemmung triumphierte wabernder Badeöl- und Körpergeruch. Der Eindruck für eine empfindliche Nase hätte nicht häuslicher sein können. Wo sich Tee-Ei zu Reagenzglas neigt, Miniflasche zu Erlenmeyer-Kolben, da mischte sich Terpentin mit Jasmin, Fusel mit Firnis, Basilikum mit Bittermandel, Lavendel mit Patchouli. 26 Gerüche ließen sich schniefen. Angesichts dieser außerordentlichen Wahrnehmungsübung mittels Duftmarken wären Atemstützen für Schnupperkurse mit einer Finanzierung durch die öffentliche Hand willkommen gewesen. Aber Künstler wären nicht Künstler, wüßten sie sich nicht in allen Lebenslagen selbst zu helfen.

Heute abend nun zeigt Mark Lammert zwei graphische Serien. Zum einen zwölf Blätter aus "ArmBrust", zum anderen einige Arbeiten aus den sog. "Ergänzungen". Beide Serien entstanden in einem lithografischen Verfahren, dei dem Marmorbruchstücke direkt mit einem Silberstift bezeichnet wurden. Die Linienverläufe sind hauchzart und von solch einer Musikalität, daß man meinen könnte, Lammert hätte die Fleischlosigkeit der Liebes-Engel im Körperjenseits zu fassen versucht. Unter "ArmBrust" ist diesbezüglich nicht ein Instrument künstlerischen Jagdeifers, sondern der Hang zum Körperfragment zu verstehen. Wobei Lammert Äußeres aus der Innenperspektive beobachtet und immer wieder formale Spannungsbögen einem ritardando unterwirft, um das harmonisch Offene auszukosten. Der ehrwürdige Francis Bacon scheint Mark Lammert auf der gepökelten Zunge zu liegen. Lammert weiß mehr, als er zeichnerisch preisgibt. Das z. B. weckt die Neugier auf seinen Bühnen-Raum, den er gegenwärtig für das mit Spannung erwartete neue Stück von Heiner Müller, "Germania II", erarbeitet. Die Premiere im Berliner Ensemble ist für Dezember vorgesehen.

Mark Lammert mit einem Konvolut hervorragender Lithographien samt den dazugehörigen Steinen ab heute abend im LABOR 019 im Weißenseer Musiker-Viertel, Borodinstraße 19.

(Sendemanuskript für "Die Frühkritik" innerhalb der Sendung "Auftakt" auf Radio Brandenburg,
14.9.1995, 7:50 Uhr. Autor: Christoph Tannert)


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