Ausstellungen in der Galerie  
 
6. Juni - 30. Juni 1996
(Der ordnende Blick I)

Sigrid Schulze: Multiple Choice (Von Montag bis Freitag)

"Der ordnende Blick" - unter diesem programmatischen Titel steht die diesjährige Ausstellungsreihe der Galerie LABOR 19.(1)

"Der ordnende Blick" vermag mehrere Ebenen zu bezeichnen. Das ist zunächst einmal die des Künstlers bzw. der Künstlerin, also die Ebene der Produzenten: Aus der Gemengelage des Sichtbaren bzw. des Wahrnehmbaren - das deckt sich keineswegs! - wählt sein bzw. ihr präokkupierter Blick aus; die Künstler schaffen über die Bearbeitung von Material ihre eigene Ordnung der Dinge und geben sie zu sehen.
Die zweite Ebene ist die der Betrachter. Neugierig sind wir hergekommen, um uns mit dem Präsentierten ins Verhältnis zu setzen; erwarten wir doch Sinnenreize und über diese weitere Aufschlüsse. Auch UNSER Blick ist ein ordnender. Da geht es zunächst einmal um Einordnung, indem wir die Räume unseres imaginären Museums im Schnelldurchlauf passieren, um das Gesehene in die richtige Abteilung zu bringen.
Die Einladungskarte von Sigrid Schulze zielte hier bereits auf eine Erweiterung: Der ordnende Blick korrespondiert bei der schematisierten Frauenfigur mit ihren ordnenden Händen: Dem Sehen als imaginativem Denken und dem Zusehengeben der fertigen Arbeit (des Kunstwerks) ist die Phase der Produktion nicht nur zwischengefügt. Sigrid Schulze verweist hier auf den Prozeß des Machens und des Anordnens. Sie tut dies mit einer für sie typischen ironischen Brechung, indem sie eine Darstellung eines älteren Küchen-Anleitungsbuches benutzt. Und erinnern nicht auch die Objekte mit ihrem bezeichnenden Titel "Multiple Choice" auf den ersten Blick an Gefäße auf einem Küchenbord? Der schweifende Blick verfängt sich an dem Korbgeflecht und an dem vertrauten Blümchenmuster ebenso wie an der überdimensionalen Bürste. Doch halt: die Dimension ist ja gerade stimmig, die identischen Maße sind unübersehbar ein entscheidender Part des Konzeptes. Gerade an diesem Punkt beginnt die Irritation: ist das hier wirklich Stein, ist das hier Fett oder Seife oder was? Was ist das alles überhaupt? Es zeigt sich, daß gerade die vertraut erscheinenden Dinge bei näherer Betrachtung am irritierendsten sind.
Die strenge, fast karge Installation vermag sich dem genauen, dem intensiven Blick auf subtile Weise einzugraben: Die "Multiple Choice" kann zu einem Prozeß von langer Dauer werden; von Montag bis Freitag und dann noch einmal und weit darüber hinaus. Es ist auch nur logisch, daß diese Reihung hier einen Ausschnitt beschreibt; die Stücke rufen nach weiteren Brüdern und Schwestern, um sich in Richtung Osten und Westen einzureihen und fortzusetzen. (Sie existieren in der Tat, wovon ich mich im Atelier überzeugen konnte.) Sigrid Schulze ist eine viel zu reflektierte Künstierin, um sich mit dem Sinn der bloßen Existenz ihrer wohlberechneten Versuchsanordnung zufriedenzugeben. lhre Bezugnahme auf zwei erhellende Texte, einmal aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf-Geschichten ("Pipi findet einen Spunk") und einmal Kafka ("Die Sorge des Hausvaters") - die Zusammenstellung erscheint mir ebenfalls typisch für Sigrid Schulze - verweist auf mögliche Wege der Erkenntnis. "Das ganze scheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen" - so beschreibt Kafka das Fazit des Hausvaters angesichts der selbstverständlichen Existenz des unvergleichlichen Odradeks.

Wie aber vollzieht sich nun der Wandel eines Gegenstandes in ein Objekt von Sinn und Bedeutung? Roland Barthes schrieb in seinen "Mythen des Alltags": "Jeder Gegenstand der Welt kann von einer geschlossenen, stummen Existenz zu einem besprochenen, für die Aneignung durch die Gesellschaft offenen Zustand übergehen, denn kein - natürliches oder nichtnatürliches - Gesetz verbietet, von den Dingen zu sprechen."(2)

So lassen Sie uns also über diese so wohlgeordneten Dinge sprechen; nehmen wir teil an dem Prozeß der Verwandlung durch Kommunikation.

Berlin, Juni 1996
Annette Dorgerloh, Kuratorin.



1. Der Weißenseer Künstlerverein "Designo" lud für die Ausstellungen seiner Produzentengalerie LABOR 019 in diesem Jahr Gastkuratoren ein, die jeweils eine Ausstellungsreihe gestalten.
2. Roland Barthes: Mythen des Alltags, Frankfurt a.M. 1964, S. 86.






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